Präsenz ohne Patentlösung

24.08.2017 | Eberswalde

Mit nur 32 Prozent war die Wahlbeteiligung im Brandenburgischen Viertel beim Rennen um die Bundestagsmandate 2013 so niedrig wie sonst nirgends in Eberswalde. Am Mittwoch fanden Jens Koeppen (CDU) und sein Team trotzdem Zuhörer. Nein, die berühmte Szene aus "Herr Wichmann von der CDU" wiederholt sich nicht an diesem Vormittag vor dem Heidewaldcenter im Brandenburgischen Viertel. Im Film von Andreas Dresen steht der junge etwas ungelenke Henryk Wichmann auf einem fast leeren Platz, verteilt Kugelschreiber und muss aufpassen, dass Sonnenschirm und Faltblätter nicht wegfliegen.

In Eberswalde ist es an diesem Mittwoch windstill, die Sonne scheint, auf dem Potsdamer Platz ist Wochenmarkt und Jens Koeppen ist, im Gegensatz zu Henryk Wichmann damals, nicht allein. Eine Handvoll Wahlkampfhelfer trommeln Passanten heran, verteilen Kernpunkte des CDU-Programms, Kekse und Kugelschreiber. "Was kostet denn das?", fragt ein älterer Herr mit Cord-Mütze sicherheitshalber, bevor er die bunten Blätter samt Stift von der jungen Dame aus dem Team Koeppen annimmt.

Ihr Chef ist nicht stetig von Menschen umringt. In manchen Phasen herrscht Flaute an seinem Stand. Dann müssen seine Helfer das Eis brechen und die Menschen zu ihm geleiten. Ist Koeppen aber erstmal im Gespräch, weckt das auch Interesse bei anderen Passanten. Eine ältere Dame, der es um Sozialbezüge geht, gibt sich sogar recht kämpferisch. Sie plädiert für Umverteilung. "Wozu braucht ein Haushalt, bei dem jemand 100000Euro im Jahr verdient, noch Kindergeld?", fragt sie.

Koeppen argumentiert mit Gleichstellung und Leistungsanreiz. Es wirkt, als wolle er an das Thema nicht so recht ran und seiner Gegenüber auch keine falschen Versprechungen machen. Vorweg macht er deutlich, dass 50Prozent des Bundeshaushalts bereits in Sozialleistungen fließen würden. "Wir müssen auch immer sehen, wie kriegen wir Kompromisse hin?", sagt er im Laufe des Gesprächs. "Wo kriegen wir Stimmen her", korrigiert ihn einer seiner Zuhörer.

Ein Kommentar, den Koeppen ihm nicht übel nimmt. Warum auch? Der braungebrannte Christdemokrat im schnittigen blauen Jacket kann guter Hoffnung in die Wahl gehen. 2013 holte er das Direktmandat für Uckermark und Barnim mit einem haushohen Sieg. Fast 39 Prozent der Wähler gaben ihm die Erststimme. Und auch im Brandenburgischen Viertel habe er vorn gelegen, meint Koeppen.

Nun müssen er und seine Wahlkampfhelfer die Menschen im Neubaugebiet - dort, wo im Zuge der Flüchtlingskrise viele Menschen ausländischer Herkunft untergebracht wurden - überzeugen, nicht AfD zu wählen.

Ein Rentnerpaar - sie am Rollator, er mit Pudel an der Leine - führt dazu mit einem Helfer von Koeppens Team eine hitzige Debatte. 90 Prozent der neuen Bewohner seien Sozialschmarotzer, schimpfen die beiden, die ihr Umfeld offenbar genauestens beobachten. So würde vor allem bei den Neuen unnötig oft das Licht in der Wohnung brennen. Mit der Kanzlerin haben sie abgeschlossen. "Da gibt es so viele intelligente Männer. Warum muss Frau Merkel das nochmal machen?", fragt der Mann.

Vielleicht kann Koeppen sich in einer möglichen nächsten Amtszeit empfehlen. Die Ressentiments, die einige der Bewohner des Viertels gegenüber Flüchtlingen hegen, sind auch am CDU-Kandidaten nicht vorbeigegangen. "Diese Leute mit Kopftuch. Das musst du doch verbieten können", wiederholt er das Anliegen eines Bewohners, der am Vormittag auf ihn zukam. Ihm habe Koeppen erklärt, dass ein Kopftuch zum einen etwas anderes sei als eine Burka, berichtet der Kandidat. "Und, dass wir tolerant sein müssen, wenn wir wollen, dass man uns in der Welt Toleranz entgegenbringt".

Trotzdem kritisiert Koeppen eine Zentralisierung von Asylbewerbern in sozialen Brennpunkten wie dem Brandenburgischen Viertel und berichtet, dass er diesen Brennpunkt nicht nur in Wahlkampfzeiten besuche. Jedes Jahr führe ihn seine Sommertour dorthin.

Er habe keine Patentlösung fürs Wohngebiet, weist aber auf die umfassende Sanierung von Neubaublöcken in Schwedt hin. Auch er sehe das Engagement zur Belebung des Bezirks. "Aber vielleicht liegt der Fokus noch nicht genügend drauf", sagt Jens Koeppen.

Quelle: Dieser Artikel erschien in der Märkischen Oderzeitung.

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