Linkes Vorbild Helmut Kohl

08.09.2017 | Eberswalde

Die Linke hat mit einer Kundgebung auf dem Marktplatz die heiße Phase ihres Bundestagswahlkampfes um das Direktmandat für Barnim und Uckermark eingeläutet. Etwa 80 Sympathisanten lauschten dem Parteivorsitzenden Bernd Riexinger. Auch wenn es sogar einen Getränkestand gibt, an dem Himbeerlimonade als "Rote Brause" ausgeschenkt wird, und auf der Bühne der Potsdamer Liedermacher Hannes Kreuziger dem Publikum mit kämpferischen Liedern einheizt, mag an diesem Donnerstagabend nicht so recht Volksfeststimmung aufkommen.

Wenigstens bleibt es trocken, auch wenn die aufziehenden dunklen Wolken manchen sorgenvollen Blick gen Himmel heraufbeschwören. "Der Wetterbericht hat ja auch Regen in Aussicht gestellt", sagt Sebastian Walter (27), noch Vorsitzender des 400 Mitglieder zählenden Barnimer Kreisverbandes und stellvertretender Landesvorsitzender der Brandenburger Linken mit 6200 Mitgliedern. Am 9. Dezember wird sich der Neu-Eberswalder auf dem Kreisparteitag der Linken in Panketal nicht um eine fünfte Amtszeit bewerben und nach acht Jahren an der Spitze der Barnimer Linken alle seine Parteiämter aufgeben. "Das hatte ich schon angekündigt, als ich meine Arbeit als Regionsgeschäftsführer des Deutschen Gewerkschaftsbundes angetreten habe", sagt der scheidende Kreisvorsitzende, der allerdings nicht vorhat, politisch kürzer zu treten. Fürs Erste werde er sich bei den Kommunalwahlen 2019 um ein Mandat für die Eberswalder Stadtverordnetenversammlung bemühen, kündigt Sebastian Walter an, während der Liedermacher in die Tasten seines Keyboards greift. "Und bis zur Bundestagswahl werde ich mich mit aller Kraft für unseren Direktkandidaten einsetzen", sagt er.

Die Barnimer und Uckermarker Linke schickt Andreas Büttner (44) ins Rennen. Der gebürtige Hesse, längst wohnhaft in Templin, war 2013/2014 noch stellvertretender Landesvorsitzender der FDP und ist erst seit 2015 Mitglied der Linken, für die er jetzt Jens Koeppen (CDU) das Direktmandat für den Bundestag streitig machen will. Sein Kurswechsel von liberal zu sozialistisch spielt bei der Kundgebung unter Gleichgesinnten keine Rolle. Der Kandidat redet so engagiert, dass er im Eifer des Gefechtes sogar ein Mikrofonkabel herausreißt. Selbst Skeptiker würden begreifen, dass Andreas Büttner mit der Linken seine wahre politische Heimat gefunden haben dürfte. Doch Skeptiker sind auf dem Marktplatz nirgends zu entdecken.

Der Wahlkämpfer prangert an, dass in Uckermark und Barnim jeder zweite Beschäftigte in atypischen Arbeitsverhältnissen steckt. "Befristungen, Leih- und Zeitarbeit sind ein Riesenproblem", erklärt er unter dem Beifall der Zuhörer. Und wirbt darum, dass die Linke möglichst viele Erst- und Zweitstimmen bekommt. "Wer am 24. September SPD wählt, wacht am 25. September mit der CDU im Bett auf", warnt Andreas Büttner.

Dann gehört die Bühne dem Parteivorsitzenden Bernd Riexinger (61), der in Stuttgart (Baden-Württemberg) zu Hause ist, die Linke seit 2012 führt und es an Popularität bei Weitem nicht mit den Spitzengenossen Sahra Wagenknecht oder Gregor Gysi aufnehmen kann. Doch auch wer eigentlich Ruhe ausstrahlt, kann flammende Reden halten. Und kübelweise Spott ausschütten. Seiner Forderung, den Spitzensteuersatz wieder auf 53 Prozent anzuheben, um die Reichen und Superreichen stärker zur Kasse zu bitten, lässt er fast nebenbei eine witzige Bemerkung folgen. "Das ist übrigens der Wert, der bei dem bekannten Sozialisten Helmut Kohl gegolten hat", ruft Bernd Riexinger aus.

Weitere (einstige) christdemokratische Positionen übernimmt die Linke jedoch nicht. Und so kann es nur ein Zufall sein, dass zeitgleich nahe des Marktes ein Mercedes-Bus mit Aufklebern des CDU-Landtagsabgeordneten Henryk Wichmann geparkt ist.

Quelle: Dieser Artikel erschien in der Märkischen Oderzeitung.

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