Herr Wichmann hat ein kleines Kreuz im Zimmer, Landtag, zweiter Stock – das Kreuz hängt an der Wand, und gleich darunter, auf der Fensterbank, steht Wichmanns Hochzeitsbild. Ein Sommerfoto, er und seine Frau am Oberpfuhlsee, Lychen, Uckermark 2006. Die Frau im weißen Kleid, der Mann im dunklen Anzug, und dieses Bild erzählt: Mitunter ist Herr Wichmann nicht Herr Wichmann. In diesem anderen Leben hat er einen Vornamen, heißt Henryk, ist in privater Sache unterwegs und bleibt zwar Mitglied in der CDU, doch steckt nicht mehr in diesem Film, der ihn bekannt gemacht hat. Einige glauben gar: berühmt.
Andreas Dresen hat das Stück 2002 gedreht, eine Dokumentation über Wichmanns Wahlkampf um den Einzug in den Bundestag, als Direktkandidat der Uckermark. Der Titel dieses Filmes ist zum stehenden Begriff geworden: „Herr Wichmann von der CDU“. Henryk Wichmann, heute 34 Jahre, kämpfte gegen Windmühlenflügel, er war chancenlos – doch tapfer, und zuweilen komisch, weil er mit Leuten auf der Straße diskutieren wollte, die Leute aber oft einfach zum nächsten Döner eilten. „Ich habe die Kandidatur sportlich genommen, traditionell gewann dort SPD-Kandidat Markus Meckel. Doch meine Erststimmen lagen mit 27,5 Prozent gut sechs Prozentpunkte über dem Uckermärker CDU-Ergebnis. Ich hatte mehr geholt als CDU-Ministerin Johanna Wanka in Dahme-Spreewald.“ Henryk Wichmann hat die Zahlen immer noch parat.
„Ich kannte Dresen kaum“, sagt er, „ich wusste nur, er ist ein junger Regisseur aus Potsdam-Babelsberg, der mich begleiten wollte in den letzten Wahlkampfwochen. Das Stück sollte nachts im Fernsehen laufen.“ Andreas Dresen hatte angerufen bei der CDU, er wollte einen Kandidaten, weit weg von Berlin, einen Schwarzen im roten Brandenburg. Es schien wie das Interesse eines Ethnologen, der eine rare, doch robuste Spezies untersucht.
Wichmann sagt, er wollte zeigen, „unter welchen Bedingungen ein Direktkandidat arbeitet. Viele glauben, der habe Chauffeur und Geld. Stimmt nicht. Ich war auf Spenden angewiesen, die Parteien geben nichts.“ Er sagt: „Es gibt so viele Wichmanns. In jedem Wahlkreis scheitern fünf, sechs Leute, nur einer kann gewinnen.“
Der Film ist 2003 überraschend bei der Berlinale angenommen worden, und Wichmann avancierte fast zur Kultfigur. 50 000 Leute haben das Stück gesehen. „Der Trubel brach los. Es kamen Interview-anfragen. Auch von ausländischen Journalisten.“
Henryk Wichmann sitzt in seinem engen Potsdamer Büro, seit fast zwei Jahren ist er Landtagsabgeordneter. Sein Hemd strahlt weiß, seine Krawatte ist blau-grün gestreift, der Anzug dunkel. Doch sein Gesicht bleibt weiterhin ein Jungsgesicht, staatstragender vielleicht, doch immer noch die weichen Züge aus dem Wahlkampf vor zehn Jahren. Er hat drei Töchter mittlerweile. Wichmann ist einer, dem auch Kapuzenpulli stehen würde.
Und dann kam Dresen abermals, Sommer 2010, und fragte: „Kannst du dir einen zweiten Film vorstellen?“ Henryk Wichmann hat ein paar Nächte überlegt. Dann hat er „ja“ gesagt. Warum nun diese Fortsetzung? Ist es die Karriere in Berlin, für die er sich positioniert?
„Nein“, sagt er, „ich fühle mich sauwohl als Landtagsabgeordneter.“ Klar, sagt jeder, und schon beim ersten Anruf aus der Bundespolitik sind sie dann fort… „In der Parteiarbeit bin ich eher Brandenburger als Deutscher“, protestiert Wichmann und legt ein tiefes Timbre in die Stimme. Er möchte, dass es überzeugend klingt. „In der Bundespolitik geht es um den Euro. Ich habe keine Ahnung vom Rettungsschirm. Ich will Fahrradwege und Kindergärten in der Uckermark anschieben. In Berlin stehen die heiligen Hallen mit hunderttausend Mitarbeitern, als einzelner Abgeordneter zählst du dort wenig. In Brandenburg triffst du in der Kantine den Minister, die Dinge klärst du dort persönlicher.“
Warum dann trotzdem nun das neue Werk, „Herr Wichmann aus der dritten Reihe“, wie Dresen seinen Film genannt hat? „Klar ist es ein Wert an sich, bekannt zu sein. Nur wer bekannt ist, wird gewählt. Aber natürlich gefällt es nicht jedem Kollegen, wenn einer herausgehoben wird, obwohl auch andere gute Arbeit leisten.“ Doch es sei wichtig, in einer „politmüden Zeit“ zu zeigen, „was Abgeordnete für ihren Wahlkreis tun“. Ein Jahr lang hat Dresen ihn begleitet, in die Ausschüsse, ins Plenum, in sein Büro. Zwei Tage hatte Wichmann jeweils Einspruchsfrist, einzelne Szenen rauszunehmen. Hat diese Verabredung aber kaum genutzt.
Dresen meinte, er habe nie jemanden erlebt, der so sehr ausblenden könne, dass er gefilmt wird. „Doch ich bin kein Schauspieler. Ich hatte nie Schwierigkeiten, mein Gesicht zu zeigen“, sagt Wichmann. Die Mediendemokratie scheint wie gemacht für ihn.
„In den 60er Jahren gab es im Bundestag arg kantige Gestalten, die wären heute kaum vermittelbar“, sagt er. Bundespräsident Wulff, Parteifreund von Wichmann, falle der Umgang mit Kameras nicht leicht, glaubt Wichmann: „Beim Interview in ARD und ZDF trat er wie ein armer Sünder auf, der reuig seine Fehler eingesteht. Aber die Leute möchten ihn nicht eingeschüchtert sehen, sie erwarten eine gewisse Souveränität von ihm.“
Souverän von Wichmann scheint es wiederum, sich just auf Dresen einzulassen – einen Regisseur, „der ganz eindeutig nicht die CDU wählt“, wie Wichmann sagt. Sie haben Kontakt gehalten über die Jahre. Nach dem Dreh sitzen sie zusammen beim Wein und diskutieren. „Nicht so kontrovers“, sagt Wichmann, „auch ich bin ja sozial eingestellt. Doch mir geht es auch um Leistung und Eigenverantwortung, Geld regnet nicht vom Himmel.“ Da steigt er wieder in den Ring, der Wahlkämpfer. Er redet schneller, höher. Plötzlich wieder die Paraderolle: Herr Wichmann von der CDU.
Quelle: Dieser Artikel erschien auf der Homepage der Märkischen Allgemeinen. Hier gelangen Sie direkt zu der Homepage.