Die Grundschüler aus Gransee kennen keine Gnade. Jedes Kind hat Fragen an Henryk Wichmann. Was verdient er, welches Auto fährt er, würde er gerne die Partei wechseln? Einem Mädchen brennt eine besonders wichtige Frage unter den Nägeln. „Haben Sie Haustiere?“ Die Antwort freut das junge Publikum. „Zwei Schildkröten, vier Häschen, zwei Hunde, acht Hühner und einen Hahn“, verrät der Landtagsabgeordnete. Es ist eine der ersten Szenen, die über die Leinwand gehen. Die Zuschauer im Saal schmunzeln, doch sie ahnen schon. Da kommt noch mehr.
Am Sonntag feierte der Dokumentarfilm „Herr Wichmann aus der dritten Reihe“ Premiere auf der Berlinale. Regisseur Andreas Dresen erzählt vom vollgepackten Alltag des CDU-Politikers, der im Auto am liebsten Klassik hört. Es ist bereits das zweite Mal, dass sich Dresen an die Fersen des Uckermärkers heftet – 2002 begleitete er ihn erstmals, im Bundestagswahlkampf. Für seine aktuelle Doku hat er den Politiker ein ganzes Jahr beobachtet. Viele Szenen wurden in Oberhavel gedreht. Mit der Aufführung im Rahmen der Sektion Panorama lernt die Welt nicht nur seinen Zehdenicker Wirkungskreis kennen, manch lokalpolitisches Problem erhält plötzlich internationale Aufmerksamkeit.
Ein Handlungsstrang führt auf den Bahnhof in Vogelsang, wo der Regionalzug der Prignitzer Eisenbahn seine Türen nicht immer öffnen darf. Für Dresen ein „Sahnehäubchen“ seines Drehmaterials. Wichmann glaubt es kaum, das Publikum ebenfalls nicht. Und auf geht es mit dem Problem in den Landtag. Dort wird viel diskutiert – auch über Privates. Abstimmungen schrumpfen zur Nebensache, wenn sich Wichmann beim Kollegen Tipps für die Reparatur des Autos holt.
Die Kamera ist ebenso dabei, wenn der CDU-Mann sich mit Bürgern trifft. Das passiert bei Kuchen, Tee oder Erdbeerbecher. Das Aufeinandertreffen mit einer Gruppe Seniorinnen gehört zu den witzigen Höhepunkten – während die eine sich über Sozialhilfeempfänger echauffiert, kann die andere nicht fassen, dass Politiker keine Adventskerze im Fenster stehen haben. Wichmann bleibt die Luft weg, die Zuschauer jauchzen. „Manchmal sind die Situationen wirklich erst im Nachhinein komisch“, sagt Wichmann nach der Aufführung. „Und ich lache gerne mit.“
Es ist die Komik des Moments, die Dresens Dokumentation so interessant macht. Möglich ist das nur durch seine scharfe Beobachtung. Leicht war das nicht immer: „Es braucht schon eine Weile, bis sich ein Kamerateam aus dem Auto geschält hat und drehbereit ist. Aber selbst wenn das nur 30 Sekunden waren, rannte uns Henryk oft schon weg. Ich musste ihn häufig regelrecht am Ärmel festhalten“, erzählt der Regisseur.
Sobald das Team den Abgeordneten begleitete, war er verkabelt, jeder Satz wurde eingefangen. Dresen räumte Wichmann eine 48-Stunden-Frist ein, falls er eine Situation oder eine Szene streichen wollte. „Die hat er aber nie in Anspruch genommen“, sagt der Filmemacher. Die vielen Drehtage hat er nun in 90 Minuten gepackt. Was herauskam, gefällt dem Protagonisten. „Ich bin total glücklich mit diesem Ergebnis“, sagt Wichmann nach der Vorstellung am Montagnachmittag. Begeistert ist auch das Publikum. Lokalpolitik auf einem internationalen Festival – für zwei Berliner Gäste „einfach super“. „Das ist ein Einblick, den wir sonst nie bekommen“, sagt die junge Frau.
Info Die Vorstellungen auf der Berlinale sind ausverkauft. Am 6. September kommt „Herr Wichmann aus der dritten Reihe“ regulär in die Kinos.
Quelle: Dieser Artikel erschien auf der Homepage der Märkischen Allgemeinen Zeitung. Hier gelangen Sie direkt zu der Homepage.