Presse 2012

Herr Wichmann und der ganz normale Wahnsinn

14.02.2012 | Berlin

Berlin - Alle sagen immer, die Berlinale sei das politischste aller Filmfestivals. Wer hier ins Kino geht, über den schwappt eine Welle von Geschichten über Elend, Krieg, Korruption. Streng genommen ist es ungerecht, das als „politisch“ zu bezeichnen. Stellen Sie sich mal vor, Sie hätten ein hohes Amt inne, und die Leute würden immer zuerst an Korruption denken. Das hält Politiker allerdings nicht davon ab, die Nähe zu den Festspielen zu suchen: wer in Berlin Amt oder Mandat hat, der wird im Februar zum Cineasten. Auf einmal trifft man bei der Eröffnung Minister, Abgeordnete und Parteiobere. Die jeweilige Moderatorin gibt sich dann regelmäßig beim Namenverstümmeln oder Begrüßen eine Blöße. Sie „müsse – und wolle“ den Kulturstaatsminister Bernd Neumann auf die Bühne bitten, sagte dieses Jahr Anke Engelke.

Was etwas frech ist, denn Neumanns Laden fördert die Sause am Potsdamer Platz mit 6,5 Millionen Euro. Und auf seine Initiative ist der deutsche Filmförderfonds entstanden, weshalb jetzt mit „stupid german money“ nicht mehr Filme in den USA gedreht werden, sondern Hollywood öfter in Deutschland dreht. Das allerdings vergisst Neumann auch nirgends zu erwähnen, wo er geht und steht. Und stehen kann man viel bei der Berlinale.

Frank-Walter Steinmeier hält eine Laudatio auf Jim Rakete

Die Junge Union gibt schon morgens um zehn einen Empfang in den Räumen der Daimler-Repräsentanz. Die Landesvertretungen laden zu Partys. Die SPD eröffnet eine Filmstar-Fotoausstellung von Jim Rakete, zu der Frank-Walter Steinmeier eine langfilmartige Laudatio auf „meinen Freund Jim“ hält. Und dann ist da noch Herr Wichmann. Im richtigen Leben ist Henryk Wichmann Abgeordneter der CDU im Potsdamer Landtag. Im Kino ist er ein Star. Angefangen hat alles 2003. Damals kandidierte Wichmann für den Bundestag – und führte einen aussichtslosen Straßenwahlkampf. Der Filmemacher Andreas Dresen („Halbe Treppe“, „Halt auf freier Strecke“) drehte darüber den Dokumentarfilm „Herr Wichmann von der CDU“, die herzzerreißende Geschichte eines unerschütterlichen Antihipsters mit demokratischer Grundüberzeugung.

Man hätte sich vorstellen können, dass Wichmann und Dresen danach keine Freunde mehr sind, denn man lacht bisweilen sehr. „Ich fand den Film aber nie unfair“, sagt Wichmann dazu. So kam es, dass er und Dresen nie den Kontakt verloren. „Herr Wichmann aus der dritten Reihe“ heißt nun das Ergebnis. Ein Jahr hat der Regisseur den Abgeordneten in der Uckermark begleitet.

Dresen zeigt den ganz normalen Wahnsinn der Politik

Und wer wissen will, wie unverdrossen man als Politiker sein muss, der kann dem Helden der Basis dabei zusehen, wie er kämpft: um einen Radweg, der den Schreiadler stören könnte, und um Vertrauen – weniger in seine Partei als in die Demokratie überhaupt.

Dresen sagt, er zeige den ganz normalen Wahnsinn der Politik. Und stellt eine Frage: „Was ist eine Demokratie eigentlich wert, wenn keiner mehr bereit ist, etwas einzubringen?“ Henryk Wichmann, den man während der Berlinale bei einem Empfang begegnen kann, ist über den Film sehr froh. „Es ist gut, wenn die Leute einen Eindruck davon bekommen, das Politik nicht nur das ist, worüber sie immer meckern.“

 

Quelle: Dieser Artikel erschien in der Stuttgarter Zeitung. Hier gelangen Sie zu der Homepage der Zeitung.


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...aus der Dritten Reihe


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