Henryk Wichmann von der Brandenburger CDU hat es zum zweiten Mal auf die Kinoleinwand geschafft. In "Herr Wichmann aus der dritten Reihe", dem neuen Dokumentarfilm von Andreas Dresen, zeigt der Landtagsabgeordnete sein Verständnis von Politik.
Politiker. Das sind doch diese Schlawiner, die jedem persönlichen Vorteil aufgeschlossen gegenüberstehen und selbst bei gröbsten Verfehlungen an ihrem Stuhl kleben wie Kaugummi an der Schuhsohle - einer wie der andere. Soweit das gängige Vorurteil. Einen Gegenentwurf wagt "Herr Wichmann aus der dritten Reihe". Am Sonntagabend feierte der neueste Film von Erfolgsregisseur Andreas Dresen ("Halbe Treppe", "Halt auf freier Strecke") bei der Berlinale seine viel beklatschte Premiere.
Die Fortsetzung der Dokumentation "Herr Wichmann von der CDU", die den damals 25-jährigen Studenten Henryk Wichmann 2002 beim Bundestagswahlkampf in der märkischen Provinz begleitete, bewegt sich bewusst fernab von "denen da oben". Gezeigt wird ein inzwischen gereifter Jungpolitiker, der sich nunmehr als Landtagsabgeordneter in der Opposition für seinen Wahlkreis in der Uckermark und dem Oberhavel-Norden aufreibt. Ein Mann bei seiner Arbeit, die immer wieder einer Realsatire ähnelt.
So etwa beim Ortstermin im Dörfchen Vogelsang, wo Züge zwar halten, wegen Sicherheitsbedenken aber die Türen nicht öffnen durften. Ein gefundenes Fressen für Wichmann auf Sommertour. Er lädt die Presse zum Vor-Ort-Termin ein und führt die Absurdität dieser Bahn-Posse derart schonungslos vor, dass sich der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg noch am selben Tag einschaltet und das Türöffnen wieder erlaubt.
Ein gefundenes Fressen sind solche Episoden auch für Dresen, denn seine zweite Wichmann-Doku gewinnt durch die unfreiwillige Komik des brandenburgischen Politgeschäfts. Sei es bei der Eröffnung der Wahlkreisbüros des Landtags-Novizen, wozu er Unmengen von zuweilen recht mickrigen Topfpflanzen geschenkt bekommt. Sei es die Bürgersprechstunde, bei der unsagbar Belangloses auf den gelernten Juristen einprasselt. Oder die Plauderrunde mit reifen Damen in Himmelpfort, bei der sich Vorurteile über Hartz-IV-Empfänger und eben Politiker zu einer ganz eigenwilligen Melange vermischen. Hier die Balance zu wahren zwischen zuhören, dagegenhalten und sympathisch bleiben, erscheint plötzlich als wahre Kunst.
"Herr Wichmann aus der dritten Reihe" nimmt seine Zuschauer mit auf eine Berg- und Talfahrt der Gefühle. Nicht ohne Grund war der Film in einigen Ankündigungen als Doku-Drama annonciert worden. Hier das Gefüge aus Regierungs- und Oppositionsreihen, die unter den eigenen Gesetzen zu erstarren drohen. Da ein Hinterbänkler, der sich genau dagegen aufzulehnen versucht und stets dann zur Hochform aufläuft, wenn eine Situation an Absurdität kaum noch zu überbieten ist.
Wie bei jenem Erzählstrang, der sich um den Schreiadler rankt. Der geschützte Greif duldet zwar eine Autobahn in 200 Metern Entfernung, verhindert aber den Bau eines Radwegs, der 800 Meter an seinem Horst vorbeiführen soll. Hier kann sich Wichmann beweisen, etwas bewegen, stellt sich langatmigen Diskussionen, bis endlich ein Kompromiss steht, der selbst heimischen Lurchen Rechnung trägt.
Aus Momenten wie diesen extrahiert Dresen ein Politiker-Bild, das so gar nicht zu landläufigen Klischees passen mag und doch die Realität, das wahre Leben auf die Leinwand bringt. Wohl auch deshalb fiel das Urteil von Matthias Platzeck (SPD) bei der Premiere im Kino International derart wohlwollend aus. "Ganz stark", befand der brandenburgische Ministerpräsident über den Streifen, der erst eine Woche vor seiner Uraufführung fertig geworden war und wohl im Spätsommer bundesweit in die Kinos kommt.
Er sei ein Fußarbeiter der Politik gewesen und es nach dem Einzug in den Landtag geblieben, durfte sich Wichmann am Sonntag vom Publikum anhören. Ebenso wie Dresens Geständnis, eine Vorliebe für Verlierer-Stoffe zu haben. Ein Lacher, der quasi fraktionsübergreifend funktionierte und mit der Hilfe des Kinos eines lehrt: Politiker sind eben doch nicht einer wie der andere.
Quelle: Dieser Artikel erschien auf der Homepage der Märkischen Oderzeitung. Hier gelangen Sie zu der Homepage.