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Interview mit Andreas Dresen zu den Filmen von Henryk Wichmann

31.01.2012

Neun Jahre nach seinem Film „Herr Wichmann von der CDU“ ist Andreas Dresen wieder gemeinsam mit dem CDU-Landtagsabgeordneten Henryk Wichmann in Brandenburg unterwegs. In „Herr Wichmann aus der dritten Reihe“ kümmert sich der Held um Bummelzüge, die ihre Türen nicht öffnen, um den Erhalt von Polizeiwachen, um Radwege, die nicht gebaut werden sollen, weil sie Naturschützern ein Dorn im Auge sind, und vieles andere mehr. Ein Film zum Thema, wie Demokratie an der Basis funktioniert – oder auch nicht. „Herr Wichmann aus der dritten Reihe“ wird in der „Berlinale“-Sektion „Panorama“ uraufgeführt.

Ihr Film kommt in einer Zeit, in der Politik von vielen als etwas Undurchschaubares, Bedrohliches wahrgenommen wird; der Begriff Eurorettung mag dafür als Stichwort genügen. Hatten Sie beim Drehen auch den Gedanken im Hinterkopf, Politik wieder mit menschlichem Maß zu messen?

Dresen: Im Prinzip schon. Wenn man einen Politiker ein Jahr lang begleitet, wünscht man immer, so dicht wie möglich an seinen Alltag heran zu kommen. Dass der sich nicht so abstrakt gestaltet, wie man das aus den Medien kennt, hatte ich immer gehofft. Wie kleinteilig es dann wurde, war vorher nicht zu vermuten. Das hat mich selbst überrascht und auch berührt, weil meine eigenen Klischees über Politik und Politiker vom Kopf auf die Füße gestellt worden sind. Nun mag das nicht bei allen Politikern gleich sein. Es gibt Engagierte und weniger Engagierte. Aber mit Henryk Wichmann ist ein junger Mann unterwegs, der sich zuständig fühlt für die Sorgen und Nöte der Menschen in seinem Wahlkreis, der von frühmorgens bis abends rotiert. Das ließ mir die üblichen alltäglichen Schimpfereien über Politik in einem durchaus anderen Licht erscheinen.

Und umgedreht: die Begegnung mit den Bürgern?

Dresen: Das war seltsamerweise viel erschreckender. Dieses allgemeine Gemecker, diese mangelnde Bereitschaft, selbst was zu tun, sich immer nur zu beklagen und mit Allgemeinplätzen um sich zu werfen, so nach dem Motto: Die arbeiten ja nur in ihre eigene Tasche! Für mich war das sehr lehrreich, denn ein bisschen wird einem ja auch der Spiegel vors Gesicht gehalten.

Wie waren die Verabredungen mit Henryk Wichmann? Gab es Momente, in denen er die Kamera nicht bei sich haben wollte? Zum Beispiel hat der Film keine Szenen mit seiner Familie, der Frau und den drei Töchtern.

Dresen: Es war verabredet, dass wir ein Jahr lang so weit wie möglich seinen Alltag als Politiker teilen und in diesem Zeitraum mindestens dreißig Tage mit ihm drehen. Wir kannten seinen Terminkalender und haben uns bei Dingen, die uns interessant erschienen, eingeklinkt. Es gab von seiner Seite aus keine Beschränkungen, auch nicht ins Private hinein. Eher war es so, dass sich das Privatleben nicht wirklich organisch in den Film integrieren ließ. Die Familie taucht jetzt immer da auf, wo sie in Berührung mit seinem Leben als Politiker kommt. An den Tagen, an denen wir mit ihm drehten, trug Henryk ein Ansteckmikrofon, konnte aber jederzeit sagen: Jetzt nicht. Genauso, wie die Leute, mit denen er zu tun hatte; wir haben ja nicht mit versteckter Kamera gefilmt. Außerdem war verabredet, dass er bis zu 48 Stunden nach dem Dreh eine Szene sperren kann. Diese Option hat er nie genutzt. Inzwischen hat Henryk den Film gesehen, und es gibt zwischen uns keinerlei Dissenz.

Auch bei Debatten im Landtag trägt er das Ansteckmikrofon, und was die Zuschauer da von seinen Kommentaren mitbekommen, ist nicht immer schmeichelhaft für ihn...

Dresen: Das ist wohl wahr. Allerdings hatte ich bei den Dreharbeiten manchmal das Gefühl, dass die Anwesenheit der Kamera seine Bereitschaft zu Zwischenrufen eher noch forciert. Das Plenum eines Parlaments ist wie eine große Bühne. Alle machen ihr Theater, und auch Henryk entzieht sich dem nicht. Das steht in völligem Kontrast zu dem, was in den Treppenhäusern passiert oder in der Cafeteria. Man verlässt die Bühne, und plötzlich ist da ein anderer Ton, da wird fraktionsübergreifend normal miteinander geredet. So ähnlich ist das auch in den Abendstunden, wenn die TV-Kameras nicht mehr eingeschaltet sind. Das Fernsehen überträgt meist vormittags, dabei geht es hart zur Sache. Später sind die Abgeordneten viel relaxter, man setzt sich auch mal zu Kollegen der anderen Fraktion und versucht, Sachprobleme zu lösen. Wir hatten übrigens von allen Fraktionen im Brandenburger Landtag die Genehmigung, uns dort völlig frei zu bewegen.

Hatten Sie das Gefühl, dass die Anwesenheit der Kamera generell auf das Auftreten, die Ausdrucksweise Henryks Einfluss nimmt, dass er eben auch mal „spielt“?

Dresen: Nein, im Gegenteil, selbst nach der Erfahrung des ersten Films. Ich habe mit großem Erstaunen festgestellt, dass er oft überhaupt nicht auf die Kamera reagierte. Ob sie läuft oder nicht: Es gibt bei ihm so gut wie keinen Unterschied im Verhalten. Mit seinem Auto im Wahlkreis unterwegs, fuhr er oft ein so hohes Tempo, dass er das Kamerateam abgehängt hat. Und sobald er aus dem Auto ausstieg, war er schon mitten in der Situation – ohne Rücksicht auf uns, die wir ja wenigstens eine halbe Minute Zeit brauchten, um alles einzurichten. Manchmal bin ich da fast sauer geworden.

Hat die Anwesenheit Ihrer Kamera in manchen Situationen dazu beigetragen, Konflikte schneller zu schlichten?

Dresen: Ja, zum Beispiel, als es um den Fahrradweg ging, der durch ein Gebiet führen soll, in dem der Schreiadler zu Hause ist. Zwar kam der NABU, der völlig gegen diesen Radweg war, bereits mit einem Kompromissvorschlag zum Ortstermin, aber die Anwesenheit der Kamera trug sicher auch dazu bei, die Wogen zu glätten. Die Kamera mäßigt die Leute und bringt sie dazu, schneller auf einander zuzugehen. Keiner will sich die Blöße geben. Das hat Henryk auch zu der Bemerkung geführt: Kann ich Sie nicht immer dabei haben?

An manchen Stellen ist der Film eine Realsatire. Am deutlichsten wohl in jener Szene, in der ein militärisches Ritual mit Marschtritt und Musik bei strömendem Regen bis zum Ende durchgezogen wird, ohne Rücksicht auf Verluste. Lassen sich solche satirischen Momente planen?

Dresen: Nein. Sie sind ein Geschenk. Dieser Appell der Bundeswehr war für uns zunächst ein völlig banaler Termin, gleich zu Beginn der Dreharbeiten; wir hatten zunächst sogar das Gefühl, das werden wir im fertigen Film nicht gebrauchen können. Dann fing es an wie aus Eimern zu gießen. Beim Schnitt erschien uns dieser absurde Vorgang im Regen, mitsamt des Absingens der Hymne, wie die Summe dessen, was wir im Film alles gezeigt hatten: Menschen im Dschungel der Rituale, eine Welt gefangen in den selbst gestrickten Gesetzen, Verordnungen und Verabredungen, aus denen sie sich kaum mehr befreien kann. Deswegen haben wir die Szene relativ ans Filmende gesetzt.

Wie viel Material stand für den Schnitt zur Verfügung?

Dresen: Etwa 100 Stunden, vielleicht mehr. Wobei mir weitgehend klar war, was nicht in den Film kommt. Es ist oft so gewesen, dass wir eine Situation aufnahmen, bei der wir schon während des Drehs merkten, dass hier nichts entsteht. Trotzdem gab ich die Hoffnung auf eine schöne Pointe nicht auf, und manchmal stellte sie sich tatsächlich ein. Solche Dreharbeiten sind nur digital möglich.

Sie konzentrieren sich auf drei Konfliktfälle: einen Radweg durch ein Naturschutzgebiet, einen Kanal zwischen zwei Seen und einen Zug, der seine Türen nicht öffnet. Henryk Wichmanns Wahlkreis in der Uckermark kennt aber auch andere Nöte, zum Beispiel den Rechtsradikalismus. Der taucht im Film nicht auf. Warum nicht?

Dresen: Rechtsradikale sind uns während dieses Jahres einfach nicht begegnet. Als Problem hätte es zu Henryk Wichmann ja kommen müssen, und tatsächlich gibt es eine Szene mit grölenden Jugendlichen im Hintergrund, bei der wir dachten, jetzt könnte was passieren. Dabei blieb es dann. Das mag Zufall sein, aber vielleicht ist es auch so, dass solche Dinge in der Außenansicht manchmal etwas überbewertet werden.

Ist es für Sie eine Erholung, zwischen Ihren Spielfilmen auch mal einen Dokumentarfilm zu drehen? Oder ist es genau so anstrengend?

Dresen: Mir macht das einen unglaublichen Spaß, weil es ein freies Arbeiten ist. Man muss dem Zufall vertrauen, dass man schöne Dinge bekommt. Manchmal bekommt man sie auch nicht, dann ärgert man sich. In diesem konkreten Falle hat es viel Spaß gemacht, war aber auch mühsam. Besonders zu Anfang hat sich der Film sehr unübersichtlich angefühlt. Ich hatte die Hoffnung, dass sich ein größeres Thema entwickeln wird, was Henryk ein Jahr beschäftigt. Dass es dann nicht so war, sondern sich stattdessen viele kleine Themen entwickelten, hat die Sache nicht einfacher gemacht.

Arbeiten Sie bei Ihren Dokumentarfilmen, so wie bei den Spielfilmen, mit einem relativ konstanten Team?

Dresen: Im Prinzip ja. Es ist derselbe Schnittmeister, derselbe Tonmeister, mit dem ich meine Spielfilme gemacht habe. Mein Kameramann war diesmal Andreas Höfer, der zwischendurch auch andere Filme drehte, so dass Michael Hammon einsprang. An Tagen, an denen beide nicht konnten, drehte ich selbst; es ist der erste Film, bei dem ich auch einen Teil der Kameraarbeit übernahm. Der Vorteil der engen Zusammenarbeit mit immer denselben Leuten besteht in der blinden Art der Verständigung, die sich dabei aufbaut. Wir sind so aufeinander geeicht, dass ein kleiner Seitenblick reicht, damit die Kamera eingeschaltet wird. Extrem intuitiv. Da wir uns lange kennen und die Verabredungen zwischen uns einfach und klar sind, haben wir ein gemeinsames Gespür für interessante Situationen entwickelt. Das macht es für alle einfacher.

Wie haben Sie es geschafft, dass „Herr Wichmann aus der dritten Reihe“ weit weg von jeder Propaganda für eine Partei, in diesem Fall für die CDU, funktioniert?

Dresen: Ich habe keine Lust, mich in einem Film parteipolitisch zu positionieren. Darum geht es ja auch gar nicht. Stattdessen zeige ich einen grundsätzlich offenen und liberalen Abgeordneten in seinem Alltag, einen Mann, der bereit ist, auf andere zuzugehen. Er hat im Landtag sogar eine Gruppe junger Abgeordneter gegründet, in der alle Parteien vertreten sind. Ich war einmal dabei, es war ein freundliches Geplauder, wie in einer Kneipe, sehr unspektakulär. Leider durfte ich das nicht drehen, die anderen waren dagegen. Im Alltag ist es im Übrigen sowieso meist gar nicht so spannend, welcher Partei ein Abgeordneter angehört, sondern dass die Fragen und Probleme gehört werden. Man benutzte ihn als eine Art wandelnde Bürgersprechstunde.

Ist Ihr Porträt eines Abgeordneten auch ein Gegenentwurf zu dem derzeit sehr populären Phänomen „Wutbürger“?

Dresen: Ein wenig schon. Statt sich einzubringen, verteidigen viele dieser Wutbürger nur auf höchst egoistische Weise ihre Partikularinteressen. Der Strom kommt bei mir zwar aus der Steckdose, aber ich will kein Kernkraftwerk, ich will keinen Braunkohletagebau, und das Windrad will ich jedenfalls nicht vor meinem Haus. Das grenzt schon manchmal ans Absurde. Zwischen all diesen Partikularinteressen steht der Politiker, der Entscheidungen treffen muss. Bei Henryk staune ich, dass er selbst nach Terminen, wo jedem „normalen“ Menschen die Haare zu Berge stehen, nicht sarkastisch und zynisch wird, sondern mit einer Engelsgeduld reagiert.

Wird Ihr nächster Film ein Dokumentarfilm oder ein Spielfilm sein?

Dresen: Ich denke, ein Spielfilm, aber ich weiß es noch nicht. Vielleicht wird’s ein Kinderfilm, ich denke sowohl über „Timm Thaler“ als auch über die „Weihnachtsgans Auguste“ nach.

„Herr Wichmann...“ entstand in der Firma Iskremas. Was verbirgt sich dahinter?

Dresen: Iskremas Filmproduktion habe ich vor zwei Jahren mit meinem Freund Andreas Leusink gegründet. Jeder, der aus dem Osten kommt, wird wissen, was dieses russische Kürzel bedeutet: „Die Kunst der Revolution den Massen.“ Wir wollen versuchen, kleine Dokumentarfilmprojekte zu machen, ansonsten als Co-Produktionsfirma agieren, für jüngere Leute da zu sein, um ihnen zu helfen, den Weg zu Low-Budget-Projekten zu ebnen. Für mich war „Herr Wichmann aus der dritten Reihe“ der erste Testballon. Ich habe viel gelernt, zum Beispiel, wie die Kommunikation mit Förderinstitutionen und Sendern läuft. Darüber hinaus ist es ein schönes Gefühl, wenn einem der Film, den man gemacht macht, plötzlich in ganz direktem Sinne gehört. Ein Film, der bei mir bleibt, den ich nicht weggebe.

Iskremas ist der Name des Helden aus dem sowjetischen Film „Leuchte, mein Stern, leuchte“.

Dresen: Einer meiner Lieblingsfilme. Weil er die paradoxe Situation der Kunst in sich verändernden Zeiten beschreibt. Er erzählt von einem Schauspieler, der während der Revolution in eine russische Kleinstadt gerät, die erst von Grünen, dann von Roten und Weißen besetzt wird. Dem Künstler gelingt es nicht wirklich, sich aus diesen Verhältnissen herauszuhalten. Am Ende wird er erschossen. Als es um den Namen für meine Firma ging, war mir durchaus bewusst, wie diese Figur endet. Aber es hat mich trotzdem nicht gestört.


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